Die Europäische Union hat durch internationale Verordnungen zahlreiche Marktstandards vereinheitlicht und häufig steht das Europarecht über dem nationalen Recht. Mit dem Glücksspielsektor gibt es jedoch eine äußerst spannende Ausnahme. Hier greifen weiterhin nationale Gesetze und auch der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat in mehreren Fällen auf deren Vorrang verwiesen. Grund dafür ist meist der Spielerschutz, der je nach Mitgliedstaat deutlich unterschiedlich ausgestaltet sein kann.
Wenn die europäische Dienstleistungsfreiheit nicht greift
Eigentlich garantiert die Europäische Union einen freien Binnenmarkt. Verankert ist dies unter anderem in Art. 56 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV), der die europäische Dienstleistungsfreiheit regelt. Unternehmen aus einem Mitgliedstaat dürfen ihre Dienstleistungen damit grundsätzlich auch in anderen EU-Ländern anbieten.
Im Glücksspielsektor greift dieses Prinzip jedoch nur eingeschränkt. Der Europäische Gerichtshof hat in mehreren Verfahren bestätigt, dass nationale Beschränkungen trotz europäischer Dienstleistungsfreiheit zulässig sein können, sofern sie dem Spielerschutz, der Betrugsprävention oder der Begrenzung problematischen Spielverhaltens dienen.
Auch in Österreich und Deutschland wurden diese Fragen über Jahre intensiv juristisch diskutiert. Anbieter mit EU-Lizenzen argumentierten immer wieder, dass sie ihre Angebote aufgrund der europäischen Dienstleistungsfreiheit auch in anderen Mitgliedstaaten anbieten dürften.
Dem standen jedoch nationale Monopolstrukturen und strenge Glücksspielgesetze entgegen. Der EuGH stellte dabei klar, dass Einschränkungen des freien Marktes zulässig sein können, wenn diese tatsächlich konsequent dem Spielerschutz dienen. Daran aber entstanden jedoch immer wieder Zweifel.
Besonders in Deutschland sorgte damals die Werbung für Oddset für Diskussionen. Gerichte beschäftigten sich mit der Frage, ob ein staatliches Sportwettenmonopol glaubwürdig mit Suchtprävention begründet werden könne, wenn gleichzeitig offensiv für Sportwetten geworben werde.
Das Bundesverfassungsgericht kritisierte schließlich, dass die damalige Ausgestaltung eben nicht konsequent am Ziel der Spielsuchtbekämpfung ausgerichtet gewesen sei.
Deutschland, Österreich und die Schweiz verfolgen unterschiedliche Ansätze
Ein Blick auf Deutschland, Österreich und die Schweiz zeigt, wie unterschiedlich digitaler Spielerschutz allein schon im deutschsprachigen Raum geregelt ist. Deutschland setzt auf ein strenges Regulierungsmodell mit zentralen Sperrsystemen, Einsatzlimits, Werbebeschränkungen und umfangreichen Identitätsprüfungen.
Daneben stehen international weiterhin Casinos ohne OASIS Spielsperre im Vergleich zu den deutlich stärker regulierten deutschen Angeboten. Im Vergleich zu Deutschland zeigt sich in Österreich ein komplexeres Bild.
Der Markt bewegt sich seit Jahren im Spannungsfeld zwischen nationalem Monopolmodell, europäischem Recht und internationalen Online-Angeboten. Gleichzeitig wird eine umfassende Reform des Glücksspielgesetzes erwartet.
Diskutiert wird dabei vor allem, ob Österreich das bisher stark begrenzte Online-Modell künftig für mehrere Konzessionen öffnet. Hintergrund ist auch, dass zentrale Konzessionen in Österreich 2027 auslaufen und der Gesetzgeber vorher neue Strukturen schaffen muss.
Im Raum stehen ein mögliches Mehrlizenzmodell, strengere Aufsicht, klarere Vorgaben für digitale Anbieter und zusätzliche Maßnahmen zum Spielerschutz. Damit würde Österreich nicht automatisch dem deutschen Modell folgen, sondern einen eigenen Weg zwischen Marktöffnung und staatlicher Kontrolle suchen.
In der Schweiz greift wiederum ein eigenständiges regulatorisches Modell außerhalb der Europäischen Union. Online-Angebote sind an nationale Konzessionen gebunden und nicht genehmigte Plattformen werden regelmäßig gesperrt.
Die Behörden setzen dabei stärker auf nationale Kontrollmechanismen und technische Netzsperren als auf europaweit vergleichbare Standards.
Skandinavische Länder setzen stärker auf kontrollierte Marktöffnung
Während Deutschland, Österreich und die Schweiz unterschiedliche nationale Sonderwege verfolgen, gelten vor allem Dänemark und Schweden in Europa als vergleichsweise moderne und offenere Regulierungsmodelle.
Beide Länder haben ihre Glücksspielmärkte in den vergangenen Jahren stärker liberalisiert und gleichzeitig versucht, digitale Aufsicht und Spielerschutz miteinander zu verbinden. Dänemark wird dabei häufig als eines der stabilsten regulierten Modelle Europas genannt.
Der Markt wurde bereits früh für private Anbieter geöffnet, gleichzeitig gelten jedoch klare Anforderungen bei Werbung, Verifizierung und Spielerschutzmaßnahmen. Die dänischen Behörden setzen vor allem auf eine konsequente Lizenzierung legaler Anbieter und ein vergleichsweise transparentes Kontrollsystem.
Auch Schweden öffnete seinen Markt deutlich stärker für internationale Anbieter. Seit der großen Glücksspielreform 2019 existiert dort ein nationales Lizenzsystem für private Unternehmen.
Gleichzeitig wurden jedoch strengere Regeln für Boni, Werbung und Spielerschutz eingeführt. Die schwedischen Behörden reagierten damit unter anderem auf die starke Verlagerung des Glücksspiels ins Internet.
Beide Länder verfolgen damit einen anderen Ansatz als Deutschland. Statt den Markt besonders stark zu begrenzen, steht dort stärker die kontrollierte Kanalisierung in legale Angebote im Mittelpunkt. Spieler sollen also möglichst innerhalb regulierter Systeme bleiben, während illegale Plattformen gezielt zurückgedrängt werden.
Niederlande und Belgien verschärfen ihre Regeln erneut
Auch die Niederlande und Belgien zeigen, dass eine Öffnung des Online-Glücksspielmarktes nicht automatisch zu weniger Regulierung führt. Beide Länder gelten grundsätzlich als vergleichsweise moderne Märkte mit legalen Online-Angeboten und nationalen Lizenzsystemen.
Allerdings wurden die Regeln in den vergangenen Jahren wieder deutlich verschärft. In den Niederlanden war der regulierte Online-Markt erst 2021 offiziell gestartet. Ziel war es ursprünglich, Spieler stärker in legale und kontrollierte Angebote zu lenken.
Schon kurze Zeit später jedoch rückten jedoch aggressive Werbung, hohe Sichtbarkeit im Internet und Sorgen um jüngere Nutzer stärker in den Fokus der Politik. Inzwischen gelten strengere Werbevorgaben und zusätzliche Einschränkungen für Anbieter.
Auch Belgien verfolgt seit Jahren einen vergleichsweise konsequent regulierten Kurs. Dort bestehen klare Vorgaben für Lizenzierung, Werbung und Spielerschutz. Gleichzeitig wurden mehrere Maßnahmen verschärft, um besonders junge Erwachsene stärker zu schützen.
Dazu gehören strengere Regeln bei Glücksspielwerbung sowie Einschränkungen rund um Bonusangebote und digitale Sichtbarkeit. Die Entwicklungen in beiden Ländern zeigen, dass selbst liberalisierte Modelle regelmäßig angepasst und regulatorisch nachgeschärft werden.
Malta bleibt ein Sonderfall im europäischen Glücksspielmarkt
Eine besondere Rolle innerhalb Europas nimmt bis heute Malta ein. Der Inselstaat gilt seit vielen Jahren als wichtiger Standort für internationale Online-Glücksspielanbieter und hat sich früh als digitale Lizenzdrehscheibe positioniert. Für viele Unternehmen wurde eine maltesische Lizenz damit zum Zugangspunkt in den europäischen Markt.
Die genannten Rechtsstreitigkeiten, mit denen sich der EuGH in den 2000er und 2010er Jahren beschäftigen musste, betrafen tatsächlich meistens Anbieter mit maltesischer Lizenz, die mit der Dienstleistungsfreiheit argumentierten und letzten Endes häufig genug vor Gericht scheiterten.
Malta steht damit exemplarisch für die grundlegende Spannung dieses Marktes. Auf der einen Seite existiert der europäische Binnenmarkt, auf der anderen Seite bestehen weiterhin sehr unterschiedliche nationale Schutzkonzepte. Der Inselstaat zeigt damit besonders deutlich, weshalb sich bis heute keine einheitliche europäische Linie im digitalen Glücksspiel entwickelt hat.
Am Ende bleibt Europa beim digitalen Spielerschutz daher vor allem ein Nebeneinander nationaler Modelle. Malta, Skandinavien, der deutschsprachige Raum und weitere Märkte verfolgen jeweils eigene regulatorische Ansätze.
Dadurch unterscheiden sich Anforderungen, Schutzmaßnahmen und Marktstrukturen innerhalb Europas teilweise erheblich.